Auswirkungen von falschem Spiel in der Welpenzeit
Viele Hundehalter können von folgenden Problemen ein langes (Leidens-) Lied singen:
Hasso rast Radfahrern hinterher, lässt keinen Jogger passieren, ohne ihm in den Hosensaum gekniffen zu haben, ist beim Anblick von jeder Krähe auf und davon oder bellt seinen Menschen stundenlang gefrustet an, wenn dieser nicht permanent Bälle oder Stöckchen für ihn wirft.
Achten Sie beim Spaziergang einmal darauf, wie viele Hundehalter draußen damit beschäftigt sind, ohne Unterbrechung irgendwelche Gegenstände für ihre Vierbeiner zu werfen, sogar noch mit ausgetüfftelten Wurfvorrichtungen, mit denen man die Bälle besonders weit katapultieren kann. Es sind mehr als man glaubt...
Bello, könnte man meinen, macht das doch Spaß!
Nun ja, interessant ist eher, was passiert, wenn man den Leuten ihre Wurfgeschosse abnehmen würde: Kein Spaß bei Bello, sondern Ärger, Frust und - Stress!
Der Grund übrigens, warum solche Hundehalter ohne Bällchen und Stöckchen meist gar nicht (mehr) auf einen Spaziergang gehen; sie wissen nämlich um das unangenehme und oft peinliche Ergebnis:
Der Hund kläfft sie permanent in bewundernswerter Beharrlichkeit in Erwartung des nächsten Wurfs an oder sucht sich sonst einfach ebenso unangenehme und peinliche Alternativen. Den nächsten Jogger oder Radfahrer z.B. oder pöbelt vehement den nächst besten Hundekollegen an.
Wie? Was hat das denn mit spielen in der Welpenzeit zu tun?!
Leider eine ganze Menge:
Nicht selten hat der Hundehalter nämlich selbst ganz unbewusst die Weichen für ein solches Verhalten gesetzt.
Schlimmer noch: Er hat sogar erheblich die Entwicklung des Hundegehirns durch sein falsches Spiel beeinflusst und erst die Grundlage für solche Verhaltensweisen geschaffen.
Wie kommt das und was hat der Ball damit zu tun?
Nahezu das gesamte Verhaltensrepertoire des später erwachsenen Hundes entwickelt sich innerhalb der 3. bis etwa 12. Lebenswoche (rassebedingt auch etwas länger).
Angeborene Verhaltensweisen und Lernprozesse greifen in dieser Phase in höchstem Maße ineinander und legen das spätere Verhalten gegenüber Menschen, anderen Tieren, Artgenossen und Umweltbedingungen in großem Maße fest.
Und hier kommt der Ball oder das Stöckchen ins Spiel:
Vom Hundehalter gut gemeint, soll der kleine Welpe doch spielen: Das gehört dazu und ein Ball eignet sich vermeintlich hervorragend, dem neuen Vierbeiner Freude zu bereiten!
Dummerweise liegt hier ein grundlegender Denkfehler zu Grunde: Ein Ballspiel ist kein Sozialspiel.
Das Sozialspiel ist jedoch das, was der Welpe in dieser Zeit braucht, um die Fähig- und Fertigkeiten für sein späteres Erwachsenendasein zu erlernen, die einen sozial- und umweltsicherer Hund ausmachen.
Ballspiele sind aber keine Sozialspiele, sondern jagdmotivierte Spiele, die den Fokus auf bewegte Objekte lenken und allein dazu dienen, die Fertigkeiten des Jagens zu trainieren. Für die Ausbildung dieser Fähigkeiten ist im Hundegehirn aber normalerweise ein späteres Zeitfenster vorgesehen als die ersten 12 Wochen. Aus gutem Grund!
Stellen wir einmal den Vergleich zu den Verwandten unserer Hunde her, den Wölfen:
Würde es Sinn machen, wenn ein Wolfswelpe in dieser jungen Phase lernen würde, allem und jedem hinter her zu jagen, was sich bewegt?
Wohl kaum! Viel zu gefährlich für sein Leben und Überleben wäre es, er würde sich so sehr auf bewegliche Objekte konzentrieren und sich deshalb zu weit von seinem Bau entfernen oder nur dermaßen von allem, was fliegt und flattert eingenommen sein, dass er nicht mitbekommen würde, wenn sein Rudel ihm Gefahr mitteilte.
Das spielerische Erlernen von Sozialkommunikation in der Entwicklung liegt also aus gutem Grund zwangsläufig vor dem Erlernen von Jagdspielen: Wer lieber jagt als sozial zu kommunizieren, überlebt nicht lange, weil er eben nicht gelernt hat, überlebenswichtige Signale seiner Familie zu verstehen.
Was in der Natur Sinn macht, ist an dieser Stelle Aufgabe des Hundehalters umzusetzen:
Werden jagdliche Sequenzen des Spielens in der sensiblen Sozialisierungsphase den sozialkommunikativen vorweggenommen, wirkt sich dies auf die strukturelle Entwicklung des Welpengehirns aus und legt den neuronalen Grundstein zu einem Verhalten, das beim jugendlichen und erwachsenen Hund selten noch jemand möchte, dann aber leider schwierig wieder abzutrainieren ist oder sich oft genug nur noch über Management regeln lässt:
Der Welpe wurde zu früh und zu intensiv in bestimmten Bereichen der Motorik und Sinnesleistung gefördert, die seinem natürlichen Reifegrad nicht entsprechen und entwickelt eine Präferenz auf bewegliche Objekte, die sich dann oftmals nicht mehr nur auf Ball und Stock beschränkt, sondern eine generalisierte Vorliebe auf alles manifestiert, was sich irgendwie bewegt und damit erjagenswert erscheint.
Scheinbar zu unterbrechen manchmal nur dadurch, dass sein Mensch nur noch schneller irgendwas Bewegliches schmeißt als alles andere, was den Weg kreuzt...
Wie spielt man denn nun aber überhaupt sozial mit einem Welpen?
Eigentlich ganz einfach: körperlich und kommunikativ!
Ja, Sie haben ganz richtig gelesen. Körperlich!
Spielen SIE mit Ihrem kleinen Vierbeiner, anstatt sich mit einem Sammelsurium von vermeintlichen Spielzeugen auszurüsten. Dazu gehört mal Balgen, auf dem Boden rumkullern oder sich um eine kleine Beute zergeln.
Wenn Sie körperlich spielen, müssen Sie nämlich zwangsläufig kommunikativ sein!
Dazu gehört im Gegenzug eben unabdingbar auch die Fähigkeit, einem Welpen hundegerecht klarzumachen, wann er zu heftig wird und ein Spiel dann konsequent abzubrechen:
Spielerisches Lernen von Sozialverhalten beinhaltet grundsätzlich auch immer, die Grenzen des anderen verstehen und respektieren zu lernen. Und dazu ist kein Ball oder Stock geeignet, die können einem Welpen nämlich nicht vermitteln, wann er zu doll mit seinen Zähnen zufasst. Das können nur Sozialpartner. Also Sie.
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Zum Thema
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- Airedale Terrier
de.wikipedia.org - Bello und Hasso sterben aus (FAZ)
www.faz.net
- Airedale Terrier
